Liebe Leserinnen und Leser, 

haben Sie am Neujahrstag einen Gottesdienst besucht? Das ist aber eine merkwürdige Frage, werden viele jetzt denken, wer besucht denn schon zu Neujahr die Kirche? Am Heiligen Abend, ja da geht man zur Christvesper, da sind die Kirchen landauf, landab gut gefüllt. Aber dann ist es erst einmal gut. Warum sollte man denn am Neujahrstag schon wieder gehen? 

Ich glaube, wir reden zu wenig über die Gottesdienste. Das muss jeder selbst entscheiden, ob er da hingeht oder nicht, ist die weit verbreitete Meinung. Warum es wichtig sein könnte oder auch nicht, am Gottesdienst teilzunehmen ist für viele kein Thema. 

Ich weiß, dass der Besuch eines Gottesdienstes im Leben vieler Menschen einfach nicht vorkommt. Warum sollten sie denn zur Kirche gehen, wenn es keinen Grund dafür gibt? Mancher, der einmal in einen Gottesdienst hineingeriet, erzählte hinterher, da wäre wirklich nichts Besonderes losgewesen. Da hätten Menschen in den Bankreihen gesessen, auf das gehört, was der Pfarrer oder Gottesdienstleiter zu sagen hatte, fremde Lieder gesungen und auch noch Geld gegeben. Nicht einmal die Orgel wäre gespielt worden. Wen reißt so etwas schon vom Hocker? 

Wenn der Gottesdienst in einer Reihe von allen möglichen Veranstaltungen in Stadthallen, Kultursälen oder Gaststätten gesehen wird, dann hat er wirklich schlechte Karten. Denn rein äußerlich gesehen, wird woanders mehr geboten. Deswegen würde es auch wenig bringen, vor jedem Gottesdienst möglichst viele Plakate im Ort auszuhängen oder Flyer zu verteilen. 

Der Grund zur Teilnahme am Gottesdienst hängt nicht mit äußerer Attraktivität zusammen, sondern mit innerer Einstellung: Sehe ich mich als Zufallsprodukt der Geschichte, das aus seinem Leben viel herausholen sollte, um möglichst wenig zu verpassen? Dann ist der Gottesdienst nur Zeitverschwendung. Oder erkenne ich mich als von Gott gewolltes Geschöpf, als sein geliebtes Kind, dessen Leben nur gelingt, wenn es in inniger Verbindung mit dem Schöpfer gelebt wird? Gehört auch die Beziehung zu seinem Sohn Jesus Christus dazu, dessen Geburt wir gerade erst zu Weihnachten gefeiert haben? Bitte ich um die Erfahrung des Heiligen Geistes, der Menschen im Vertrauen auf Gott zu Gemeinden vereint? Für jemanden, der diese Fragen bejaht, ist der Gottesdienst lebensnotwendig. Er ist für ihn traurig, wenn er den Gottesdienst verpasst.  

Solche Erkenntnis wird einem jedoch nicht in die Wiege gelegt. Deshalb ist es wichtig, dass Christen ihren Glauben nicht für sich behalten, sondern ihre Erfahrungen mit Gott weitergeben, dass sie andere ermutigen, sich doch auch auf diesen Gott einzulassen. Dazu gehört auch, mit ihnen gemeinsam den Gottesdienst besuchen und über das Erlebte ins Gespräch kommen. Wenn das geschieht,  muss uns um die Zukunft unserer Gemeinden und ihrer Gottesdienste nicht bange sein. Wenn nicht, werden auch äußerlich attraktive Gottesdienste oder schön restaurierte Kirchen nicht viel bewirken. 

Es grüßt Sie herzlich 

Ihr Pfarrer Berthold Schirge aus Papenbruch