Wochenandachten aus dem Kirchenkreis
Andacht vom 09.08.2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
am 9. August wird in evangelischen Gottesdiensten der „Israelsonntag“ gefeiert. Wurde dieser Gedenktag früher als Anlass zu antisemitischen Deutungen der Bibel genutzt, liegt heute der Fokus auf die unverbrüchliche Treue Gottes zum Volk Israel.
Wie lässt er sich vereinbaren - dieser Widerspruch, dass wir Christ*innen Jesus als den Messias Gottes sehen und ausgerechnet das auserwählte Volk dieses Gottes Jesus ablehnt? Mit dieser Frage setzt sich Paulus intensiv im 11. Kapitel des Römerbriefs auseinander.
Widersprüchliche Wahrheiten begegnen mir beim täglichen Blick in die Zeitung: Einerseits die berechtigte Kritik am menschrechtsverletzenden Verhalten eines Nationalstaats, der dies auch theologisch begründet. Andererseits die Wahrheit: Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich Deutschland erneut in einen Ort verwandelt, an dem Jüdinnen und Juden um ihre Sicherheit, um ihr Leben fürchten müssen.
Paulus findet einen Umgang mit dem Problem des Widerspruchs, der auf Gelehrtenart um die Ecke gedacht ist: Dass einige sich verschließen, ist eigentlich ein Geschenk an UNS; die Heiden, diejenigen, denen das Erwähltsein nicht schon in die Wiege gelegt wurde. Es ist geschenkte Zeit, um Gott kennenzulernen, die Bibel zu lesen, „bis die Völker sich ihm vollzählig zugewandt haben“ (Röm 11,25).
Die „Verstockung“ ist weder Bestrafung Israels noch Anlass für uns, uns hasserfüllt von anderen abzugrenzen oder sie zu belehren. Paulus warnt uns gar, uns „selbst für klug zu halten“. Sie ist vielmehr eine gewonnene Möglichkeit, von anderen zu lernen, Neues zu erfahren, uns in dieser komplexen Welt Gottes zurechtzufinden. Denn diese Welt bleibt ein Geheimnis, in der widersprüchliche Wahrheiten nebeneinanderstehen. Wo dies ignoriert wird, wo die eigene Perspektive als die einzig richtige erklärt wird, da entstehen Hass und Gewalt.
Der Bund zwischen Gott und Israel bleibt unverbrüchlich bestehen. Uns anderen wurde Zeit geschenkt, unseren eigenen Weg zu einer Beziehung mit Gott zu finden.
Pfn. i. E. Felicia Schurr
Ev. GKG Ruppin
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Andacht vom 02.08.2026 - Fernweh
Andacht vom 02.08.2026 - Fernweh
Große Ferien, Urlaub und Reisezeit. Einige hat das Reisefieber erfasst. Psychologen sprechen von möglicher Sucht. Immer dann, wenn Zeitgenossen jede nur passende Gelegenheit zum Verreisen nutzen. Inzwischen haben immer mehr Menschen nicht mehr das Geld dazu. Aber die Sehnsucht bleibt. Träumen kostet nichts.
Hin und wieder packt mich auch ein Fernweh. Da bin ich wie im Blues: Ferngeweht und weggeträumt. Mein Hunger nach fernen Welten könnte ebenso im Nahbereich gesättigt werden. Klar, das Unbekannte und Exotisches reizt, oder? Schnell kommst du dabei ins Träumen. Gelegentlich mitten am Tag. Schließlich hat Kurt Tucholsky festgestellt: „Reisen ist die Sehnsucht nach Leben“. Doch was unterscheidet meine Ferienreise vom Leben im Alltag? Nur eine Verlagerung von Gewohnheiten und Ritualen an einen anderen Ort?
Erzähl mal von deinen Momenten, wo du unterwegs glücklich warst. Könnte es z.B. deine Neugier auf andere Menschen in ihren Lebensumständen sein? Was nimmst du in deinen Alltag zuhause mit, wenn der Urlaub vorüber ist? Also für deine Familie, Partner, Freunde, Arbeit und deinen heimatlich angestammten Platz. Wie zufrieden und dankbar gestaltet sich dein Leben nach der Pause? Anderseits gibt es unterschiedliche Gründe, nicht mehr verreisen zu können. Erinnerungen und Träume bleiben jedoch. Die Gedanken und Träume sind frei!
Szenenwechsel. Jakob ist unterwegs. Er nimmt einen Stein unter seinen Kopf und schläft ein. Jakob träumt. Sieht eine Leiter. Sie reicht bis an den Himmel. Boten Gottes steigen auf der Himmelsleiter rauf und runter. Von oben spricht Gott Jakob an: Ich bin der Herr, der Gott deiner Vorfahren. Deine Nachkommen sollen groß und vielmals gesegnet sein. Pass auf: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land!“ (1. Mose 28, 10ff) Träumt Jakob von fernen Welten? Ja und Nein. Schlussendlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass Gott ihm und seiner Sippe einen Platz zeigt, wo man miteinander erträglich leben kann. Einen Ort, der zur Heimat wird. Und er begleitet deinen Weg dorthin wie ein(e) Pilgerfreund(in). Denn du bist allzeit behütet und gesegnet. Vielleicht mit einem Lied auf dem Lied auf den Lippen: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“ (Klaus Peter Hertzsch 1989)
Wie ist es für dich nach deinen Lehr- und Wanderjahren? Ist Dein Reisefieber etwas gestillt worden? Wie steht es um deine Sehn-Suche nach einer Scholle, einem Ort, wo du lieben und leben kannst? Einem geerdeten Leben hier und jetzt. Kann sein, dein Fernweh ist eigentlich dein Heimweh. Deine Suche nach Heimat, wo du angenommen bist. Siehe oben: „Wer aufbricht, der kann hoffen…“.Wolfgang Rein
Pfarrer im Ruhestand in Neuruppin -
Andacht vom 26.07.2026 - Versteinertes Gehirn / Herz
Andacht vom 26.07.2026 - Versteinertes Gehirn / Herz
Der Satz saß und traf. 1843/44 hat ihn Karl Marx verfasst. In seinem Werk „Das Kapital“ übt er deutliche Kapitalismus-Kritik. Ausgangspunkt ist für ihn die gravierende Verelendung der Arbeiterschaft. In diesem Zusammenhang steht auch seine kritische Haltung gegenüber der Religion. Er bezeichnet sie als „Opium des Volkes“. Wie könnte Marx das verstanden haben? Bei prekären gesellschaftlichen Missverhältnissen wird gern weggesehen. Folglich bleiben Täuschungen, Lähmungen und Betäubungen wie bei der Wirkung von Opium nicht aus. Religionen und Kirchen sind davon nicht ausgenommen. Zu oft haben sie sich versündigt und Schuld auf sich geladen. Ich denke nur an Missbräuche und ihre schleppende und mangelhafte Aufarbeitung.
Inzwischen sind Weltsichten komplizierter geworden. Konfliktbeladen obendrein. Zusammenhänge nötigen uns eine differenzierte Betrachtung ab. Das gilt gleichermaßen für Religionen und Glaubensgemeinschaften. Auch Ideologien jeglicher Art sind davon nicht ausgenommen. Egal, ob es um Weltanschauungen oder Glaubenssätze geht, oder um Theorien und Lösungsansätze im Ringen und Verdrängen von Wahrheiten.
Einen bemerkenswerten Erklärungsversuch unternimmt die Neurobiologin Dr. Leor Zmigrod „Das ideologische Gehirn“ (Warum glauben wir, was wir glauben). Im Gehirn entstehen Einsichten und Überzeugungen - sagt sie. Was bedeutet das, wenn Meinungen oder Glaubenssätze sich verhärten? Wenn sie sich zu einer starren ideologischen Geisteshaltung verwandeln? Entwickeln sich dogmatische Ideologien schleichend zur neuen Religion? Mit Marx gesprochen zum „Opium des Volkes“?!
Ich möchte mich an die Erkenntnis halten: „Erwirb dir Weisheit, Bildung und Einsicht! So bleibst du bei der Wahrheit, verkaufe sie nicht.“ (Sprüche 23.23) Sodann will ich mich selbstkritisch prüfen: Reagiere ich gelegentlich mit einem versteinerten Gehirn oder Herzen - benebelt wie mit Haschisch und Opium!? Eigentlich will ich einen klaren Kopf behalten und bin zu oft verwirrt und ratlos. Ich will - so gut mir das gelingt - meine verunsicherte Einzelstimme erheben. Wenn sich Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzungen und Hasstiraden wie Geschwüre ausbreiten will ich widersprechen. Wenn scheinbare Alternativen das christliche Menschenbild verwässern und Programme dem Evangelium entgegenstehen. Was mir in meiner Mitverantwortung möglich ist, möchte ich mutig umsetzen. Dabei versuche ich mich an Hiob, dem Leid geprüften, gottesfürchtigen Menschen, zu orientieren: „Begegne dem Herrn (und auch den Mitmenschen W.R.) mit Ehrfurcht, das ist Weisheit! Halte dich fern vom Bösen, so gewinnst du Einsicht!“ (Hiob 28,28)Wolfgang Rein
Pfarrer im Ruhestand in Neuruppin -
Andacht vom 19.07.2026 - Ein Platz mehr am Tisch
Andacht vom 19.07.2026 - Ein Platz mehr am Tisch
Es gibt Menschen, bei denen klingelt man spontan und sie sagen fast immer: „Komm rein.“ Manchmal steht dann noch eine Kaffeetasse mehr auf dem Tisch, der Kuchen wird in etwas kleinere Stücke geschnitten oder kurzerhand noch ein Teller aus dem Schrank geholt. Perfekt ist das selten. Aber genau das macht solche Besuche oft so schön. Man fühlt sich willkommen.
Andere Begegnungen beginnen noch kleiner. Jemand rückt auf einer Bank ein Stück zur Seite. Im Zug wird der Rucksack vom Nebensitz genommen. Beim Dorffest oder auf dem Wochenmarkt kommt man ins Gespräch, obwohl man sich vorher noch nie gesehen hat. Oft sind es nur wenige Minuten, und doch bleibt etwas davon hängen: das Gefühl, wahrgenommen worden zu sein.
Gastfreundschaft hat erstaunlich wenig mit einem großen Haus oder einem perfekt gedeckten Tisch zu tun. Eigentlich beginnt sie dort, wo Menschen einander Raum geben. Das kostet manchmal Zeit, manchmal ein bisschen Mut und gelegentlich die Bereitschaft, sich auf jemanden einzulassen, der anders ist als man selbst.
Dabei fällt mir auf, wie schnell wir heute unter uns bleiben. Im Café setzen wir uns lieber an den freien Zweiertisch, als zu einer anderen Person. Im Wartezimmer schauen wir aufs Handy. Neue Nachbarinnen und Nachbarn wohnen oft schon monatelang nebenan, bevor man mehr als ein flüchtiges „Hallo“ gewechselt hat. Dabei sehnen sich die meisten Menschen genau nach dem Gegenteil: gesehen zu werden und dazuzugehören.
Natürlich braucht es auch Grenzen. Niemand muss immer die Tür offen haben oder jede Einladung annehmen. Gastfreundschaft bedeutet nicht, sich selbst zu vergessen. Aber sie beginnt vielleicht schon mit einer kleinen Unterbrechung der eigenen Gewohnheiten: einmal den ersten Schritt machen, jemanden ansprechen, nachfragen oder einen Platz freihalten.
In der Bibel heißt es: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.“ (Hebräer 13,2)
Ob dabei wirklich Engel gemeint sind? Vielleicht. Vielleicht erzählt dieser Satz aber auch davon, dass wir nie genau wissen, welche Bedeutung eine Begegnung haben kann.
Ein zusätzlicher Teller auf dem Tisch, ein freier Platz auf der Bank oder ein freundliches „Schön, dass Sie da sind“ – manchmal sind es gerade diese kleinen Gesten, die aus Fremden Nachbarn und aus einem gewöhnlichen Tag einen besonderen machen.
Anna Ferrario, Pfarrerin i.E., Gesamtkirchengemeinde Ruppin